Pardis Phase 11
20.06.2026 – 25.06.2026
Stephanie Kloss
Die Politik des iranischen Regimes hat die Bevölkerungsentwicklung seines Landes in den vergangenen Jahrzehnten erheblich beeinflusst. Nach der Islamischen Revolution 1979 stieg die Einwohnerzahl des Iran stark an. Das Regime brauchte Nachwuchs, Verhütung wurde als unislamisch ausgelegt. Bald lag die Geburtenrate bei 6,7 Kindern pro Frau, ein Zuwachs, der in Folge dessen zu extremem Wohnungsmangel und Lebensmittelknappheit in den überfüllten Städten führte. Bald vollzog der Staat eine Wende und machte sich für Aufklärungsunterricht und Geburtenkontrolle stark. Für Frauen verbesserten sich zudem die Bildungschancen. Die Geburtenrateliegt heute bei 1,6 Kindern pro Frau. Der Wohnungsmangel blieb jedoch weiterhin ein grosses Problem.
So entstanden in den 90er Jahren erste Planstädte vor den Toren Teherans. Im Jahr 2007 wurde das staatliche Wohnungsbauprojekt «Mehr» initiiert, ein gigantisches Vorhaben, das die Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinejad hätte krönen sollen. Nach seinem Willen sollten sich auch ärmere Iraner moderne Wohnungen kaufen können.
Internationalen Bauunternehmern wurden gratis Bauland und günstige Kredite angeboten. Um das Projekt zu finanzieren wies Ahmadinejad die Zentralbank an, mehr Geld zu drucken. 20 neue Städte mit 2,3 Millionen Wohnungen entstanden so in den vergangenen Jahren im ganzen Land,
5 sogenannte New Towns allein um Teheran herum. Das iranische Programm orientierte sich jedoch in seinen Zielen und räumlicher Ausformung an den wohlfahrtsstaatlichen, energieintensiven europäischen New Towns aus der Zeit nach 1945. Diese heute längst als disfunktional menschenfeindlich erachtete Stadtplanung ermöglicht jedoch den Bau von möglichst viel Wohnraum in kurzer Zeit, ohne sich mit der Planung einer sozialen Infrastruktur aufzuhalten.
Pardis, Phase 11, ist eine dieser Trabantenstädte nahe Teheran, das 2010 weltweit grösste soziale Wohnungsbauprojekt mit geplanten 37.000 Wohneinheiten. Die Stadt besteht primär aus zahlreichen Hochhaussiedlungen (Tower Blocks), die schnell in den kargen Hügeln der Region errichtet wurden. Die türkische Kuzu Group wurde mit dem gesamten Bau inklusive Infrastruktur beauftragt, zog sich jedoch 2018 nach Zahlungsschwierigkeiten aufgrund von Sanktionen zurück.
Auf Persisch heisst Pardis «Paradies». Davon sind die Bewohner weit entfernt., die meisten sind vor dem Alltag in Teheran geflohen: vor hohen Mieten, Lärm, Staus und schlechter Luft. Die Luft ist aber das Einzige, was tatsächlich besser ist. Die Siedlung erinnert an le corbusiers radikal utopischen Entwurf einer autogerechten hypermodernen vertikalen Stadt: die Ville Radieuse aus dem Jahr 1938. Die gleichförmigen Hochhäuser von Pardis wurden im Gegensatz Corbusier heute als veraltet und menschenfeindlich erachteten Vision tatsächlich gebaut. Pardis , die neue Stadt mit modernen, günstigen Wohnungen gleicht einer betonierten Dystopie.
Den neuen Wohnungen fehlt die Wasserversorgung, es gibt nur zeitweise Strom. Viele Gebäude wurden beim Erdbeben von 2017 zerstört. Die Baukosten in der erdbebengefährdeten Region waren deutlich höher als erwartet, deshalb wurden zunehmend billige, qualitativ schlechtere Baumaterialien verwendet. Sanktionen sowie Inflation ließen Preise explodieren, viele Käufer konnten ihre Kredite nicht mehr bezahlen. Durch Fehlkalkulation entstanden zusätzliche Kosten, so dass die Häuser von den Bauunternehmen nicht fertigstellt wurden. Heute gilt das staatliche Wohnungsbauprojekt als eines der grössten Probleme Irans.
Pardis ((persisch auch „Garten“) war als moderne, grüne „Paradies-Stadt“ geplant. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus: entstanden ist eine Geisterstadt im nirgendwo, ohne soziale Infrastruktur, nur verbunden mit dem Leben durch die Autobahn nach Teheran. Es gibt keine Bäume, keine Autos, keine Parks, keine Menschen, wenn überhaupt kommen sie nur zum Schlafen. Die „Stadt“ wirkt unwirklich wie eine distopische Szene aus einem Science-Fiction-Film. Von Weitem sieht man hunderte wie mit copy und paste geklonte Betonklötze, planlos in die umliegenden Wüste gestellt und Straßen, die ins absolute Nichts führen.
Die Behausungen wirken leblos, weil sie es wirklich sind.